Mittwoch, 15. Juni 2016

Muskathlon in Uganda Tag Eins


Ich hab es geschafft und in den nächsten Tagen werde ich euch kleine (Tagebuch)Einblicke in unsere Zeit in Uganda geben. Für jeden Tag gibt es auch ein Video, das ihr auf der (öffentlichen) Facebookseite von Compassion Deutschland findet: klick einfach ein bisschen scrollen, am 21.5. geht es los


Es ist kurz vor 6:00 Uhr morgens, als wir endlich in unserem Hotelzimmer ankommen. Die Reise war lang, seit 24 Stunden habe ich kaum geschlafen. Sollen wir überhaupt noch schlafen gehen oder lieber duschen und gleich zum Frühstück? Tobias und ich sind uns nicht ganz einig, aber schließlich siegt die Müdigkeit und wir schlafen ca. 40 Minuten. Ein Zeitgefühl habe ich nicht, es hätten auch 4 Stunden sein können und daher wache ich mit relativ viel Adrenalin auf. Die Dusche macht uns ein bisschen fitter und ansehnlicher und auf dem Weg zum Frühstücksbuffet sehen wir ein paar Affen auf den Balkonen im Hotel herumklettern. Spätestens der Anblick und die Auswahl am Buffet machen uns endgültig wach, denn es ist nicht nur viel, sondern auch gut und wir werden gut umsorgt von einigen Servicemitarbeitern, die anscheinend nicht genug zu tun haben und hinter uns "lauern", um uns zu bedienen oder das Geschirr wegzubringen. Wir essen mit Steve und Daniel von Compassion und kommen langsam an. Außer den beiden kenne ich fast niemanden, Tobi kennt ein paar Musketiere.
Nach dem Frühstück gehen wir auf eine schöne große Wiese, direkt am Victoriaseeufer. Am Rand der Wiese staksen Marabus umher und bei jedem Schritt auf dem Gras fliegen einige Libellen auf, die durchsichtige Flügel mit schwarzen Tupfen am Rand haben. Ich fühle mich ein bisschen wie eine orientalische Prinzessin.
Auf der Wiese ist eine kleine Bühne aufgebaut und an den Masten flattern rote Fahnen mit einer großen, weißen 4 im Wind, das sichere Zeichen, dass wir mit der Organisation "Der 4. Musketier" hier sind, die den "Muskathlon" ausrichten.
Nach einer kurzen Ansprache und der Aufforderung, dass jedes Land sich mit ein paar Zeilen seiner Nationalhymne vorstellt (es sind immerhin 9 Nationen vertreten) geben wir zuerst Gott die Ehre und singen ihm Lobpreis. Der Wind macht es den Leuten am Mikro ziemlich schwer, aber wir genießen den vielstimmigen Lobpreischor.
Außerdem lernen wir unsere Teams kennen, in denen wir uns in der kommenden Woche austauschen und mit denen wir mehrere Stunden im Kleinbus verbringen werden. Tobias und ich sind in Team 7 mit Marc Stosberg als Teamleiter.
Direkt im Anschluss geht es in die Busse, immer zwei Teams teilen sich einen Bus. Ich spüre meine Müdigkeit, gleichzeitig bin ich ein bisschen aufgeregt. Unser Busfahrer Patrick wird uns nämlich in einen Slum bringen. Ich stelle mir stinkende Müllberge vor, auf denen Kinder spielen und enge Gassen zwischen Wellblechhütten, voll mit Abfall und Fäkalien. So stelle ich mir einen Slum vor, Gott sei Dank wird es nicht ganz so dramatisch werden. Armut ist vielschichtig.




Doch erst führt uns der Weg durch eine bessere Gegend Kampalas, in der unser Hotel liegt. Ich kann kaum die Augen vom Fenster abwenden, zu anders und interessant ist das alles, was ich draußen sehe. Auf jeden Fall ist einiges los. Menschen verkaufen alles mögliche am Straßenrand, von Gemüse, das sorgfältig aufgestapelt wurde, über bunte Plastikwannen bis hin zu Betten, die meterweit an der Straße entlang aufgestellt sind. Ugandas Straßen sind ziemlich trubelig. Es herrscht Linksverkehr, die Straßen sind in einem sehr schlechten Zustand. Links am Rand laufen Menschen, spielen Kinder, pausieren Bodafahrer. Boda Bodas sind sowieso überall. Zwischen den Autos, auf beiden Seiten neben den Autos, mit 1 bis 4 Personen und Material ohne Ende beladen. Dazwischen noch einige Fahrräder. Es gibt einiges zu sehen und so geht die Fahrt schnell vorbei. Einige schlafen im Bus, was ich nicht verstehen kann, ich bin viel zu neugierig auf dieses neue Land. Wir biegen links ab und verlassen die geteerte Straße. Nun wachen die meisten wieder auf, da es ziemlich holprig wird. Kinder kommen an den Straßenrand und bestaunen verwundert den kleinen Bus mit lauter weißen Menschen darin. Da hören wir es das erste Mal: "Muzungu, Muzungu" rufen die Kinder. So nennen die Ugander, bzw. vor allem die Kinder, Menschen mit heller Haut. (Der Plural ist übrigens Bazungu). Und wir werden es wohl noch ziemlich oft hören ;)
Plötzlich hält der Bus, wir hören Musik. Komisch, irgendwie scheint diese Musik nicht so richtig hierher zu passen. Wir schauen raus und entdecken, dass wir am Ziel angekommen sind, beim Compassionprojekt Mackay. Und wir werden von den Kindern mit einer Blaskapelle empfangen! Hinter der Kapelle laufen wir die letzten Meter zum Projekt, winken den Kindern am Straßenrand und fühlen uns wohl alle ein bisschen unwohl und unbeholfen. Bei der Kirche wartet der Rest der Kinder, alle haben die Kleidung dieses Projekts an und außerdem selbstgebastelte Papierkappen mit der ugandischen Flagge auf der einen und der deutschen auf der anderen Seite. Wow, so viele Kinder! Sie haben uns Perlenarmbänder mit deutschen Wörtern gebastelt und jeder bekommt eins. Auf meinem steht "DANKE", Tobias ergattert eins mit "JESUS", aber auf manchen stehen auch deutsche Namen, die nicht aus unserer Gruppe sind, z.B. Kerstin. Hauptsache deutsch :D
Händeschütteln und Umarmungen überall, wir sind "most welcome". Ich bin sehr gerührt, die Tränen habe ich schon ein paar Mal runter geschluckt.







Wir werden weitergeführt, ständig begleitet von der Blaskapelle. Nach ein paar weiteren Liedern (die deutsche Nationalhymne mischt sich unter Gospelsongs und Bruder Jakob) und Begrüßungsworten gehen wir in einen Raum, die Kinder warten draußen. Die Leiter des Projekts schenken uns das Projektpolo! Nun sind alle sehr gerührt, wir ziehen es natürlich sofort an und sind erstaunt über die Großzügigkeit und die Vorbereitungen. Es gibt Bananen und Getränke, dann geht es ein paar Meter weiter (selbstverständlich im Gänsemarsch, der Blaskapelle hinterher) in die Versammlungshalle. Die Kinder haben eine kleine Show für uns vorbereitet und verschiedene Tänze und Lieder einstudiert. Ich bin etwas abgelenkt, ein kleiner Junge, maximal drei Jahre alt, kommt langsam auf meinen Teamkollegen Markus zu, der ihm seine Wasserflasche anbietet. Es beginnt ein relativ langes Spiel: Flasche aufdrehen, nippen, zudrehen, abstellen und hinsetzen. Und von vorne. So süß zu beobachten, der Kleine macht uns allen eine Riesen Freude, einfach durch seine eigene Freude und scheulose Kontaktaufnahme.
Mitten in der Aufführung gibt es einen Stromausfall, ist aber nichts ungewöhnliches, the show must go on. Und der Zeitplan ist schließlich auch eng strukturiert.
Nach den Tänzen und Liedern geht es für eine Viertelstunde in den Garten, ein Fußballspiel ist geplant. Wer gewinnt kriege ich nicht mit, ich unterhalte mich mit einer jungen Frau, 17 Jahre alt, die noch im Projekt ist und von einer Karriere als Friseurin träumt. Ich höre ihr zu, ermutige sie, freue mich über das Gespräch. Aber bin ein bisschen enttäuscht von diesem Besuch, der so durchgeplant ist, das wenig Zeit für echte Begegnungen bleibt. Denn schon geht es weiter, alle in die Busse, wir fahren zum Homevisit, das heißt wir teilen uns nochmal in drei Gruppen und besuchen jeweils ein Patenkind in seinem Zuhause. Die Kinder dürfen mit uns im Bus fahren, schonmal ein richtiges Highlight für die Compassionkinder, aber sie sind auch sehr schüchtern. Wir fahren eine Weile, Compassion wählt Kinder in einem Umkreis von einer halben Stunde Fußweg aus und mit dem Bus ist man hier auch nicht viel schneller als zu Fuß. Endlich sind wir da. Alle sind ein bisschen nervös, nicht nur das Mädchen im Teeniealter, vor deren Hof wir gerade geparkt haben. Hinter einer niedrigen Mauer steht vor dem Haus schon die Mama bereit und einige Kinder, die bis jetzt gespielt haben, kommen neugierig hergelaufen. Auch die geflüsterte Begeisterung über die "Bazungu" entgeht mir nicht. Die Tür ist geöffnet, die Mutter spricht kein Englisch. Ich schüttle ihr die Hand, bin jedoch unsicher, ob ich ins Haus darf und ob ich die Schuhe ausziehen soll.
Nach einer Nachfrage bei der Compassion Mitarbeiterin gehe ich als erste in das "Haus", das aus einem Raum besteht, maximal 9qm groß. Es gibt eine Kommode mit einem alten, kleinen Fernseher drauf, ein Bett, das die gesamte Breite des Raumes ausmacht und an der hinteren Wand steht, und eine Matratze an der rechten Hauswand. Wir setzen uns im Kreis auf das kleine Fleckchen Boden, das frei ist. Nachts wird auch hier zum Schlafen eine Matte hingelegt, dann ist der Raum voll. Die Toilette und die Kochstelle sind draußen hinter dem Haus. Durch die offene Tür schauen Kinder herein. Die Mutter erzählt uns von ihrer Familie und wie Compassion ihr geholfen hat, vor allem als ihr Ehemann sie verließ, was keine Seltenheit ist. Stolz zeigt sie uns auch die Moskitonetze, die sie vom Projekt bekommen hat. Wir dürfen Fragen stellen, aber alle sind etwas überfordert und perplex. Zum Schluss bete ich für die Familie und segne sie. Wir müssen schon bald wieder gehen, aber ich bin darüber ein bisschen froh. Die Situation war doch etwas beklemmend und ungewohnt. Wir machen noch ein gemeinsames Foto, ein kleines Mädchen, das im Hof gewartet hat, nehme ich dafür auf den Arm. Sie ist die Kleinste von allen Kindern und ich habe das Gefühl, dass ich ihr besonders meine Liebe schenken will, wenn es auch nur für eine Minute ist. Die Kleine hat kaputte, schmutzige Kleidung und ist barfuß. Doch in dem Moment ist sie für mich eine kleine Prinzessin und ich genieße den kurzen Moment der Nähe.
Die Mutter geht wieder zu ihrem Arbeitsplatz. Die schönsten Minuten des Tages erlebe ich, als Tobias und ein anderer Mann aus dem Team noch auf die Toilette müssen, daher müssen wir anderen kurz warten. Die Kinder sind noch vor dem Haus, ich gehe in die Knie und verstecke mich hinter der Mauer. "Kuckuck", sage ich und schaue ein bisschen drüber. Die Kinder amüsieren sich köstlich, das Spiel wiederholt sich einige Male. Für diese Kuckuck Da Spiele sind sie eigentlich schon zu alt, aber richtig Kind zu sein ist schwierig, wenn man in Armut aufwächst.
Schon müssen wir wieder fahren, der Abschied fällt nicht nur den Kindern schwer. Gern hätte ich noch weiter gespielt, doch unser Zeitplan ist bereits total verzögert.
Viel zu spät kommen wir wieder im Hotel an und machen uns direkt bereit für die erste Trainingseinheit. Viele bleiben total übermüdet und reizüberflutet in ihren Zimmern, Tobias und ich sind fast die einzigen Deutschen, die am Training teilnehmen und wir joggen ja nicht, sondern wandern und nach der Hälfte des Trainings beschließen wir, uns noch etwas an den See zu setzen. Laut WHO gilt in ganz Uganda Badeverbot in stehenden Gewässern, da es Würmer gibt, die sich durch die intakte Haut bohren und dann im Körper ihr Unwesen treiben (Bilharziose). Schade.
Ein paar wenige Patenkinder sind heute schon zu Besuch und wir beobachten ein Ehepaar aus unserem Team, das wir noch nicht gut kennen, wie sie mit ihrem Patenkind spielen. Ich bin froh, dass wir ein paar Minuten für uns haben, wäre unser Patenkind heute gekommen, hätte ich mich sehr überfordert gefühlt.
So früh wie möglich fallen wir in die Betten, morgen müssen wir nämlich wieder früh auschecken und das schöne Hotel verlassen und die letzten zwei Tage mit minimalem Schlaf und maximalen Eindrücken waren sehr anstrengend.
Müde, aber auch glücklich und frisch geduscht (Dreck, Sonnencreme und Mückenspray ist keine schöne Kombination), schlafen wir schnell ein.

Love,
Anni











1 Kommentar:

  1. Was für ein wunderbarer Bericht! Vielen Dank, dass du uns so lebendig miterleben lässt... Hoffentlich lesen das viele Menschen und werden berührt und offen zu helfen!

    AntwortenLöschen